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Man schrieb sie überall, wo und wann man nur konnte, in Wohnbunkern und in den Pausen zwischen den Schlachten. Man schrieb sie auf Tapeten, in Schulheften und Geschäftsbüchern…

Handgeschriebene Partisanenzeitschriften wurden gemeinsam mit wichtigen Akten aufbewahrt. Sie enthielten Tatsachen über den Kriegsalltag, berichteten über Kämpfe und Helden. Selbstgemachte „Hefte" wurden lebendig gemacht – durch Illustrationen und witzige Geschichten. Wer eine Zeitschrift in die Hände bekam, las sie in der Hoffnung, dass der Krieg bald zu Ende ist. Diese Hefte gaben Mut. Auch in den Zeiten, wenn man vom Feind hoffnungslos eingekesselt war, konnte niemand daran denken, die handgeschriebenen Zeitschriften preiszugeben – man vergrub sie samt Munition in der Erde oder versteckte in Sackleinen in den Wäldern. Durch das Feuer des Krieges sind diese einmaligen Dokumentationen bis in die Gegenwart erhalten geblieben.
„Am 18. Mai 1944, während des Rückzugs vor den überlegenen deutsch-faschistischen Truppen und gefangen in der Ausweglosigkeit, mussten wir gemeinsam mit Dokumenten der 3. Kompanie die Zeitschrift der Partisanenabteilung „Bolschewik" im Fluss versenken. Später kriegten wir das Heft wieder heraus, trockneten es aus und hauchten ihm das zweite Leben ein."
SCHREIBEN UND BEWAHREN –
WIE RETTETE MAN DIE HANDGESCHRIEBENEN ZEITSCHRIFTEN
Eine derart extreme Rettung der Partisanenzeitschrift schilderte Redakteur A. Baturtschik in einem Anhang zur Zeitschrift Nr.1 der Abteilung „Bolschewik" (Partisanenbrigade „Belarus"). Nicht nur Autoren, sondern auch ihre handgeschriebenen Bücher mussten unter sehr harten Kriegsbedingungen „durchhalten." Partisanen, die in eine Blockade gerieten, mussten die Hefte in Munitionskisten versteckt in die Erde eingraben oder in einem Fluss versenken. Es blieb nur die Hoffnung, dass das Papier „überlebt…"
Laienkunstschaffen der Partisanenbrigade „Belarus". Foto aus dem Museumsarchiv
Erwähnenswert ist die Geschichte der Entstehung und Rettung einer Sammlung handgeschriebener Zeitschriften „Kutusowez" aus der Kutusow-Abteilung der 2. Minsker Partisanenbrigade. Eine große Rolle spielte dabei die Familie Grigori und Sinaida Didenko.
Zeitschrift „Kutusowez" der Kutusow-Abteilung der 2. Minsker Partisanenbrigade, 1944
Grigori Didenko war 1917 in der Stadt Kurgan im Gebiet Karaganda geboren. Vor dem Krieg wohnte er in Woronesh und lernte in der staatlichen Schauspielschule. Nach dem Abschluss wurde er zur Wehr einberufen. Gemeinsam mit seinem älteren Bruder Pjotr leistete er seinen Wehrdienst bei den Grenztruppen, und zwar beim Lied- und Tanzensemble der Grenztruppen der NKWD BSSR. Von der Leitung des Ensembles wurde Grigori Didenko beauftragt, Konzerte zu moderieren und Gedichte vorzutragen.
Im Juni 1941 gastierte das Ensemble in der litauischen Hauptstadt Vilnius. Grigori schrieb herzbewegende und zarte Briefe an seine liebe hochschwangere Frau, die kurz vor der Geburt stand.
Militärangehörige des Lied- und Tanzensembles der Grenztruppen der NKWD BSSR. Foto aus dem Museumsarchiv
G. Didenko und P. Didenko. Foto aus dem Museumsarchiv
„Mein Täubchen, diesen Brief wirst Du wahrscheinlich schon im Geburtshaus lesen. Wer weiß, Sinulenjka, vielleicht hast Du schon einen Sohn oder eine Tochter zur Welt gebracht? In diesen Minuten bin ich, mein Täubchen, noch näher zu Dir, Du siehst mich einfach nicht…"

Auszug aus dem Brief Didenkos an seine Frau, 1. Juni 1941
Zwei Wochen nach der Geburt der Tochter Alla begann der Krieg… Am 22. Juni 1941 fand sich das Ensemble im feindlichen Hinterland wieder. Die Künstler wollten in kleinen Gruppen die Frontlinie überqueren. Grigori Didenko gelang es, nach Minsk zu seiner kleinen Familie zu kommen.
Ehepaar Didenko. Białystok, 1941. Foto aus dem Museumsarchiv
Seine Freunde in Minsk haben ihm dabei geholfen, einen temporären Pass zu besorgen und die Arbeit zu finden. Im Februar 1943 trat die Familie Didenko in die Reihen der Kutusow-Abteilung der 2. Minsker Partisanenbrigade. Auf Initiative des begabten Künstlers wurde in der Abteilung ein kleines Ensemble gegründet. Seine Teilnehmer sorgten mit Wort und Lied dafür, den Kampfgeist ihrer Kameraden zu erhöhen.
Partisanen der Gastello-Abteilung, Frühling 1943. Foto aus dem Museumsarchiv
„Genossen Partisanen, Partisaninnen, Kommandeure und Politleiter der Abteilung! Auf Initiative des Abteilungskommandeurs legen wir ein Buch an, in dem Erzählungen, Geschichten und Erinnerungen aus dem Leben und dem Kampf der Kutusow-Partisanenbrigade gesammelt werden… Nur eure aktive Teilnahme kann helfen, die Kampfhandlungen der Abteilung festzuhalten. Berichtet über euer Kampfleben, über eure besten Männer und Frauen. Schickt eure Texte an die Redaktion."

Auszug aus der Zeitschrift „Kutusowez", Ausgabe Nr.1, Kutusow-Abteilung der 2. Minsker Partisanenbrigade, 1944
Didenko und seine Kameraden machten sich ans Werk. Sie gaben 13 „Kutusowez"-Hefte heraus. In diesen Zeitschriften konnte man über die Heldentaten, Schicksale und den Lebensalltag von Partisanen der Abteilung nachlesen: Die Texte waren bildhaft und zeichneten sich durch eine Vielfalt von Genres aus. Grigori Didenko publizierte regelmäßig seine Verse, Lieder und Gedichte.
Die Redaktion der handgeschriebenen Ausgabe hat sogar für Rückmeldung gesorgt: In der 5. „Kutusowez"-Ausgabe wandte sie sich an die Leser mit der Bitte, über ihre Eindrücke von der Zeitschrift zu berichten.
„Wir haben Ihre Zeitschrift „Kutusowez" gelesen. Uns haben sowohl der Inhalt als auch die äußere Gestaltung des Heftes beeindruckt…"

„Ihre Zeitschrift spiegelt unser Leben und unseren Kampf im feindlichen Hinterland richtig wider. Sie erzieht uns, Partisanen, im Geiste der Heimattreue und Heimatliebe..."


Auszüge aus den Rückmeldungen von Partisanen über die Zeitschrift „Kutusowez", Nr. 5, Kutusow-Abteilung der 2. Minsker Partisanenbrigade, 1944
Kurz vor der Befreiung von Belarus geriet die 2. Minsker Brigade in eine Blockade. Das Ehepaar Didenko packte die Zeitschriften in einen Sack ein und vergrub sie im Wald. Nach der Wiedervereinigung mit der Roten Armee wurden die Manuskripte aus dem Versteck geholt und an den Belarussischen Stab der Partisanenbewegung weiter gegeben. Die neun Zeitschriften, die erhalten geblieben waren, wurden 1945 dem Museum für die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges übergeben.
Jahre später erinnerte sich Sinaida Didenko an diese harte Prüfung. Deutsche Soldaten trieben die Partisanen für drei Tage in einen Sumpf. Sinaida hielt Ihre dreijährige Tochter die ganze Zeit über dem Kopf. Von oben bis unten von Mücken zerstochen und ausgehungert hat die Tochter zum Glück dieses Entsetzen überlebt...
Nach der Befreiung von Belarus kehrte die Familie Didenko nach Minsk zurück. Grigori und Sinaida arbeiteten in der Staatsphilharmonie. Im Jahr 1947 erhielt Grigori Didenko den folgenden Eintrag in das Arbeitsbuch: „Belarussischer Kleinkünstler." 1963 wurde ihm der Titel „Verdienter Künstler der BSSR" verliehen. Bis zum Jahr 1972 galt Didenko als eine der Schlüsselfiguren der belarussischen Kleinkunstszene.
Ehepaar Didenko mit Tochter Alla, 19. Mai 1945. Foto aus dem Museumsarchiv
G. Didenko und S. Welikanowa. Foto aus dem Museumsarchiv
Aus einem Abendprogramm
Auszug aus einem Artikel, 1968
Handgeschriebene Partisanenzeitschriften sind der Spiegel der Kriegszeit. Sie halten Schicksale von Menschen fest, die bittere Niederlagen standhaft duldeten und sich auf Kampferfolge freuten. Sie liebten und lebten, glaubten und hofften. Viele von ihnen hat der Krieg mächtig gezaust, aber sie hielten bis zum Ende durch.
Handgeschriebene Partisanenzeitschrift "Kutusowez", Nr.5, 1944
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