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Man schrieb sie überall, wo und wann man nur konnte, in Wohnbunkern und in den Pausen zwischen den Schlachten. Man schrieb sie auf Tapeten, in Schulheften und Geschäftsbüchern…

Handgeschriebene Partisanenzeitschriften wurden gemeinsam mit wichtigen Akten aufbewahrt. Sie enthielten Tatsachen über den Kriegsalltag, berichteten über Kämpfe und Helden. Selbstgemachte „Hefte" wurden lebendig gemacht – durch Illustrationen und witzige Geschichten. Wer eine Zeitschrift in die Hände bekam, las sie in der Hoffnung, dass der Krieg bald zu Ende ist. Diese Hefte gaben Mut. Auch in den Zeiten, wenn man vom Feind hoffnungslos eingekesselt war, konnte niemand daran denken, die handgeschriebenen Zeitschriften preiszugeben – man vergrub sie samt Munition in der Erde oder versteckte in Sackleinen in den Wäldern. Durch das Feuer des Krieges sind diese einmaligen Dokumentationen bis in die Gegenwart erhalten geblieben.
Als die deutschen Truppen bei Stalingrad standen, wurden sowjetische Sonderbeauftragte an die Front, zu den Partisanen und in die ins tiefe Hinterland evakuierten Betriebe und Werke geschickt. Sei sammelten die ersten Objekte für das künftige Belarussische Staatliche Museum für die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges.
DIE ERSTEN AUSSTELLUNGSOBJEKTE
DES MUSEUMS FÜR DIE GESCHICHTE
DES GROSSEN VATERLÄNDISCHEN KRIEGES

Selbstgebaute Partisanen-MP von Waffenmeistern J. Temjakow und J. Menkin
Selbstgebaute Partisanen-MP von W. Dolganow
Selbstgebaute Partisanen-MP von N. Sergejew
Selbstgebautes Messer – ein Geschenk für P. Ponamarenko von den Partisanen des Oblast Brest
Im November 1942 wurde im Gebäude des Staatlichen Historischen Museums Moskau die Ausstellung „Belorussland lebt, Belorussland kämpft, Belorussland war und bleibt sowjetisch" eröffnet. Zum ersten Mal wurden dort über 300 Ausstellungsgegenstände gezeigt. Ein Jahr später hat das Zentralkomitee der KP(b)B beschlossen, diese Ausstellung in ein Museum umzuwandeln. So wurde das Belarussische Staatliche Museum für die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges gegründet. Über die ersten Schritte der Gründung wird in diesem Teil der „Partisanenchronik" erzählt.
In den Ausstellungsräumen des Museums. 1944–1945
Museumseröffnung am 22. Oktober 1944
Natalja Filippowitsch, führende wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums, erinnert sich:

Pjotr Nikolajewitsch Gontscharow war einer der Gründungsväter des Museums. Er leitete die Abteilung für die Geschichte der Partisanenbewegung. Aus den Partisanenwäldern und von der Front brachte er persönlich eine Vielzahl wertvoller Gegenstände und schuf somit die Grundlagen für die künftigen Museumsbestände und die erste Ausstellung."

Natalja Filippowitsch
führende wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums für die Geschichte des großen Vaterländischen Krieges
Pjotr Gontscharow (links). Foto aus dem Museumsarchiv
Die ersten Museumsmitarbeiter wurden am 16. Juli 1944 angestellt. Einer davon war Pjotr Gontscharow, ehemaliger Kommandeur der Partisanenabteilung „Für die Heimat" der Brigade „Belarus" im Oblast Minsk. Nach der Befreiung der Hauptstadt wurde er zusammen mit anderen Partisanenkommandeuren zu einem Gespräch beim ersten Sekretär des ZK der Kommunistischen Partei Belorusslands P. Ponomarenko eingeladen. Ihm wurde eine Arbeitsstelle angeboten, die er anfangs ablehnte, weil er hoffte, wieder an die Front geschickt zu werden. Aber er musste dem Befehl folgen.
Bescheinigung des Belarussischen Stabs der Partisanenbewegung, ausgestellt für Gontscharow
Aus dem militärischen und politischen Gutachten, das die Leitung der Partisanenbrigade „Belarus" über den Kommandeur der Abteilung „Für die Heimat" erstellte, geht die ganze Geschichte der Abteilung hervor:

„Unter der Leitung von Abteilungskommandeur Gontscharow hat die Abteilung mehrere Kampfhandlungen durchgeführt. Im Ergebnis wurden:
a) 730 deutsche Soldaten und Offiziere getötet
b) 13 Polizisten getötet
c) 29 deutsche Pferde getötet und verbrannt
d) 557 deutsche Soldaten und Offiziere verwundet
e) 10 Polizisten verwundet
f) 40 Deutsche gefangengenommen
g) 43 Sabotageakte an der Eisenbahn verübt
h) 42 Sabotageakte an Straßen verübt
i) 23 feindliche Züge zum Entgleisen gebracht
j) 93 Waggons beschädigt und zerstört."
Leiter der Partisanenbrigade „Belarus", Oblast Minsk. Foto aus dem Museumsarchiv
Vom ersten Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei wurde Gontscharow mit der Suche nach einem passenden Zuhause für das Museum beauftragt – eine fast unmögliche Aufgabe im völlig zerbombten Minsk. Das Museum wurde am 22. Oktober 1944 im Gebäude des Gewerkschaftshauses auf dem Platz der Freiheit eröffnet – in einem der wenigen erhaltenen Gebäude im Hauptstadtzentrum.
Das Gebäude des Gewerkschaftshauses am Platz der Freiheit in Minsk, wo später das Museum für die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges eröffnet wurde
Als ehemaliger Partisan und Abteilungskommandeur hat Pojtr Gontscharow sein Wissen und seine praktischen Erfahrungen bei der Arbeit im Museum mit Erfolg genutzt.
Bescheinigung aus dem Museum. Hiermit wird bestätigt, dass Gontscharow in der Zeit vom 16.07.1944 bis 20.03.1946 als Mitarbeiter des Museums angestellt war
… Als Mitarbeiter des Museums zeigte sich Gen. P. N. GONTSCHAROW ausschließlich von seiner besten Seite. Als Leiter der größten Museumsabteilung für die Geschichte der Partisanenbewegung hat er bei der Suche nach Ausstellungsgegenständen und der Veranstaltung von Ausstellungen eine große Arbeit geleistet. Unter seiner Leitung wurden tausende wertvolle Exponate und Dokumente zur Partisanenbewegung in Belorussland gesammelt. Unter seiner aktiven Beteiligung wurden die Ausstellungen „Waffen belarussischer Partisanen" und „Bolschewistische Presse Belorusslands im Großen Vaterländischen Krieg" eröffnet, die im gesamten Zeitraum von 40.000 Menschen besucht wurden. Gästebücher enthalten hunderte Rückmeldungen begeisterter Besucher über die genannten Ausstellungen…"

Aus dem Gutachten für Pjotr Gontscharow, verfasst vom Museumsdirektor W. Stalnow
Aus den Erinnerungen von Natalja Filippowitsch:

Pjotr Nikolajewitsch hatte im Gebiet Minsk ein wichtiges Parteiamt inne, er leitete das Exekutivkomitee im Kreis Dsershinsk. Von 1980 bis 1992 war er Filialleiter des Museums (Gedenkstätte „Hügel des Ruhmes"). Über all die Jahre blieb er ein treuer Freund des Kriegsmuseums. Er war immer für Rat und Tat zu haben. Er besuchte uns oft und gern. Es ist schon bemerkenswert, aber er und seine Kameraden haben die Kriegsjahre und das Partisanenleben als die besten Jahre des Lebens in Erinnerung behalten. Der Mensch lebte ganz der Hoffnung und strebte eine bessere Zukunft an. Sie waren jung, stark und energievoll…"

Auszug aus der handgeschriebenen Partisanenzeitschrift „Roter Partisan“, Nr.9, 09/1942
Heute, in diesen schweren Tagen des Krieges, der bald zu seinem Ende kommt, wird jedem auf eine andere Art, viel klarer und verständlicher, bewusst, was Patriotismus bedeutet.

Partisanen, deren Ruhm durch die ganze Welt schallt, müssen sich selbst, ihr ganzes Leben, ihre persönlichen Interessen dem rücksichtslosen Kampf gegen die deutsch-faschistischen Eroberern unterordnen."
Partisanen mit erbeuteten Trophäen. Foto BELTA
In den Partisanenzeitschriften gab es genug Platz für scharfe Satire und Humor: in erster Linie hat man eigene Leute wegen Feigheit, Kleinmut und Unentschlossenheit ausgelacht und verurteilt. Aber viel öfter konnte man in den Zeitschriften ganz andere Beispiele entdecken – die meisten Geschichten handelten von mutigen Helden.
Foto aus dem Museumsarchiv
Überraschung und Tatkraft waren die besten Helfer im Partisanenkrieg. Sie haben so viele Volksrächer vor Gefangenschaft und dem unvermeidlichen Tod gerettet. Oft konnte der Feind kaum begreifen, was los war...

Auszug aus der handgeschriebenen Partisanenzeitschrift „Roter Partisan“, Nr. 9, 09/1942
In den besetzten Gebieten haben Hitlerleute den Einheimischen ohne jeden Skrupel das Vieh und die letzte Scheibe Brot weggenommen. Partisanen eilten den Einwohnern zur Hilfe. Die Erinnerungen daran wurden in Partisanenzeitschriften aufbewahrt, etwa wie der folgende Bericht von Gefreiter Kopjew.

Auszug aus der handgeschriebenen Partisanenzeitschrift „Roter Partisan“, Nr. 9, 09/1942
„… Wir trieben das Vieh, solange uns die Kraft blieb, 30 Kilometer oder mehr. Wir waren zwei Nächte wach und haben seit 24 Stunden nichts gegessen. Wir legten 70 km zurück, aber wir bewegten uns schnell und waren munter. Wir freuten uns über den Erfolg. Unterwegs demontierten wir zwei Brücken. Auf Befehl von Abteilungskommandeur und Politleiter Pokrowski übergaben wir 62 Kühe den Familien von Rotarmisten und Partisanen, jenen „Unzuverlässigen", denen die Deutschen das Vieh weggenommen haben."
Auszug aus der handgeschriebenen Partisanenzeitschrift „Roter Partisan", Nr. 7, 07/1942

„Diese Zeitschriften stellen eine kunstvolle Chronik des Großen Vaterländischen Krieges dar", meint Natalja Filippowitsch, Hüterin einer wahrlich kostbaren Sammlung handgeschriebener Partisanenzeitschriften. Sie hat ihre Arbeit im Belarussischen Staatlichen Museum für die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges vor 46 Jahren (1972) aufgenommen.
Handgeschriebene Partisanenzeitschrift „Roter Partisan", Nr.9, 09/1942
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