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Man schrieb sie überall, wo und wann man nur konnte, in Wohnbunkern und in den Pausen zwischen den Schlachten. Man schrieb sie auf Tapeten, in Schulheften und Geschäftsbüchern…

Handgeschriebene Partisanenzeitschriften wurden gemeinsam mit wichtigen Akten aufbewahrt. Sie enthielten Tatsachen über den Kriegsalltag, berichteten über Kämpfe und Helden. Selbstgemachte „Hefte" wurden lebendig gemacht – durch Illustrationen und witzige Geschichten. Wer eine Zeitschrift in die Hände bekam, las sie in der Hoffnung, dass der Krieg bald zu Ende ist. Diese Hefte gaben Mut. Auch in den Zeiten, wenn man vom Feind hoffnungslos eingekesselt war, konnte niemand daran denken, die handgeschriebenen Zeitschriften preiszugeben – man vergrub sie samt Munition in der Erde oder versteckte in Sackleinen in den Wäldern. Durch das Feuer des Krieges sind diese einmaligen Dokumentationen bis in die Gegenwart erhalten geblieben.
Professor Gutorow über den "Kampf und das Schaffen von Volksrächern"
"Zum ersten Mal sahen wir sie im Stützpunkt der Schtschors-Partisanenabteilung im Kreis Wygonitschi. Ihre Mutter war Ehefrau eines Fliegers und versteckte sich vor den deutschen Besatzern. Ljudotschka war 5-6 Jahre jung. Sie begegnete uns stets mit einem Liedchen über den Kommissar...

Als die faschistische Horde weg war, erkannte ich auf einem der Waldwege unter den getöteten Frauen und Kindern meine bekannte schöne Sängerin. Sie lag da, gekrümmt, etwas seitwärts und mit leicht ausgebreiteten kleinen Armen. Ein SS-Mann hat ihr wohl mit einer MP auf die Stirn eingeschlagen…

In der Nähe krepierten deutsche Granaten. Unsere Granatwerfern antworteten zurück. Wir zogen mit Mpi-Schützen in das feindliche Hinterland. Ich konnte die Bilder von zerfetzten Kindern nicht vergessen, und in den Ohren hörte ich die mir so vertraute Kinderstimme..."
Seine Erinnerungen an den Großen Vaterländischen Krieg wird Iwan Gutorow später in seinem Buch „Der Kampf und das Schaffen von Volksrächern" festhalten. Das Buch wird im Jahr 1949 erscheinen. Dr. phil. Gutorow wird anschließend zum Professor ernannt.
Die Partisanenfolklore war über viele Jahre ein zentrales Thema seiner Forschungen. Professor Gutorow kombinierte wissenschaftliche Erkenntnisse mit seinen persönlichen Erinnerungen und veröffentliche sie in einem Buch. „Der Kampf und das Schaffen von Volksrächern" enthält auch Auszüge aus handgeschriebenen Partisanenzeitschriften der Region Minsk. Die Kämpfer selbst schenkten dem Professor ihre Hefte. Nach dem Tod von Gutorow übergab seine Tochter im Jahr 2011 sieben wertvolle „Partisanenbücher" an das Museum für die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges.
Zur Information: Iwan Wassiljewitsch Gutorow war 1906 im Dorf Wolkowka bei Mstislawl (Mogiljow) geboren. Literaturwissenschaftler und Folklorist. Korrespondierendes Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften (1953), Habilitation zum Professor (1949). Teilnehmer des Großen Vaterländischen Krieges 1941-1945. Auszeichnungen: Rotbannerorden, Lenin-Orden, Orden des Roten Banners der Arbeit, Medaillen. Gestorben am 8. Februar 1967.
Gutorows Interesse für die Partisanenfolklore war ganz sicherlich nicht zufällig. Am 7. Juli 1941 trat er freiwillig in die Rote Armee ein, war Kommissar im 356. Regiment, Militärausbilder in der Politabteilung. Er kämpfte als Partisan in den Wäldern von Brjansk gegen die deutschen Eroberer. Von den Kameraden hörte er immer Lieder und Spottgesänge, Gedichte und Armeemärsche. Viele davon wurden direkt vor oder nach den Kampfoperationen verfasst.

Das Schaffen von Partisanen zeugt in erster Linie davon, dass ungeachtet aller Gräueltaten und blutiger Racheakte von Hitlerfaschisten das Volk ideologisch unbesiegt blieb und im tiefen Hinterland patriotische Werke schuf
heißt es im Buch von Gutorow.
„Die Partisanenfolklore hatte im Kampf eine nicht weniger wichtige Funktion. Zum einen war das ein unfreiwilliger Schrei aus dem Herzen, zum anderen – ein inniger Aufruf zum Kampf und zur Rache. Das Partisanenschaffen nahm die Rolle eines Wahrheitsmultiplikators im sowjetischen Hinterland ein. Die Wahrheit über die Erfolge der Roten Armee und des gesamten Volkes im Kampf um die Befreiung der Heimat wurde auf diese weise verbreitet. Die Partisanenfolklore feuerte den Kampfgeist an und beflügelte zu Heldentaten im Namen des Vaterlandes. Die Folklore fand ihren Weg über die Partisanenzeitungen, handgeschriebene Zeitschriften, Flugblätter, in Ruhepausen nach harten Gefechten in den Tiefen der Wälder."

Auszug aus dem Buch von I. Gutorow „Der Kampf und das Schaffen von Volksrächern"
Unter allen Genres des Partisanenschaffens waren Lieder am meisten beliebt und verbreitet. Es waren lyrische, satirische Lieder, Wanderlieder, Sagendichtung, Spottgesänge, Heldenepos und Karikaturen auf Hitlersoldaten. Auch Verräter wie Dorfälteste, deutsche Wachleute und Spieße kamen in den Liedern vor.
Im Jahr 1942 hat sich der Partisanenkampf zu einer Massenbewegung entwickelt. Im Hinterland eroberten die Kämpfer ganze Partisanengebiete zurück. Es entstanden Partisanenzonen. Man nannte sie „kleines Sowjetland." In seinen Analysen kommt Gutorow zu dem Schluss, dass mit der Zunahme der Partisanenbewegung im Schaffen von Volksrächern die Siegeszuversicht als eines der Motive immer öfter vorkommt. Diese Zuversicht spürte man nicht nur im Schaffen von Partisanen, sondern im Schaffen der Zivilbevölkerung.
Foto aus dem Museumsarchiv
Eine hervorragende Rolle zur Popularisierung des Partisanenschaffens spielten Ensembles, die in Verbänden aus begabten Sängern, Erzählern, Tänzern und Ziehharmonika-Spielern zusammengesetzt waren. Und die Ziehharmonika war selbst in schwierigen Stunden ein obligatorisches Instrument und Attribut des Partisanenalltags:
Nach einer erfolgreichen Kampfoperation haben wir uns gewöhnlich in einem Dorf versammelt und einen Musikabend organisiert. Oder wir zogen in unsere Partisanenlager. Wir hatten eine Ziehharmonika immer dabei. Manchmal schrieben wir unsere Lieder selbst. Eines Tages haben wir in Sawrassowka den deutschen Dorfältesten erledigt. Auf dem Weg ins Lager, das sich 8 bis 10 km von Dorf entfernt befand, stimmte ein Partisan „Barynja" (Herrin) an und interpretierte die bekannten Strophen des alten Spottgesanges auf eine neue „Partisanen"-Weise...
Aus den Erinnerungen von Iwan Gutorow
In seinem Buch „Der Kampf und das Schaffen von Volksrächern" bemerkt Professor Gutorow, dass Partisanenwerke vor allem als Beispiele der lebendigen Geschichte ein großes Interesse darstellen. Sie sind voll von konkreten Ereignissen, Kampfszenen, durchdrungen von bitterem Hass gegenüber dem Feind und erfüllt von grenzenloser Heimattreue. Die Partisanenfolklore vermittelt in vielerlei Hinsicht ein umfassendes Bild von der Geschichte und den Formen des Volkskampfes gegen die deutschen Eroberer.
Handgeschriebene Zeitschrift "Partisan des Vaterländischen Krieges", Nr.2, Dezember 1943
Die Fortsetzung folgt...
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