Man schrieb sie überall, wo und wann man nur konnte, in Wohnbunkern und in den Pausen zwischen den Gefechten. Man schrieb sie auf Tapeten, in Schulheften und Geschäftsbüchern…
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Handgeschriebene Partisanenzeitschriften wurden zusammen mit wichtigen Dokumenten aufbewahrt. Sie enthielten Tatsachen über den Kriegsalltag, berichteten über Kämpfe und Helden. Selbstgemachte „Hefte" wurden lebendig gemacht – durch Illustrationen und witzige Geschichten. Wer eine Zeitschrift in die Hände bekam, las sie in der Hoffnung, dass der Krieg bald zu Ende ist. Diese Hefte gaben Mut. Auch in den Zeiten, wenn man vom Feind hoffnungslos eingekesselt war, konnte niemand daran denken, die handgeschriebenen Zeitschriften preiszugeben – man vergrub sie samt Munition in der Erde oder versteckte in Sackleinen in den Wäldern. Durch das Feuer des Krieges sind diese einmaligen Dokumentationen bis in die Gegenwart erhalten geblieben.
Im Jahr 2019 feiert Belarus den 75. Jahrestag der Befreiung von den deutsch-faschistischen Eroberern. Zu diesem wichtigen Datum hat die Telegraphenagentur BelTA gemeinsam mit dem Belarussischen Staatlichen Museum für die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges ein großes Projekt vorbereitet. Sie präsentieren der breiten Öffentlichkeit digitalisierte handgeschriebene Partisanenzeitschriften, oft die einzigen Dokumente, die die Erinnerung an die Kriegsereignisse wachhalten.
Die erste belarussische Kreisstadt, die am 23. September 1943 von den deutsch-faschistischen Eroberern befreit wurde, war Komarin. An diesem Tag begann die vollständige Befreiung des Landes, die am 3. Juli 1944 vollendet war und die Belarus 2019 zum 75. Mal in Folge feierlich begehen wird.

Zu diesem wichtigen Datum hat die Belarussische Telegraphenagentur BelTA gemeinsam mit dem Belarussischen Staatlichen Museum für die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges ein gemeinsames Projekt gestartet. Es heißt „Partisanenchronik" und stellt eine einmalige Sammlung handgeschriebener Partisanenzeitschriften dar, die in den Unruhen des Krieges erstaunlicherweise weder verloren gingen noch verbrannten. Es handelt sich um die Dokumentationen aus der Zeit des Untergrundkampfes von 1941 bis 1944.

«is zum 3. Juli 2019 wird BELTA wöchentlich über diese Chroniken erzählen und Auszüge aus digitalisierten Zeitschriften veröffentlichen. Dabei werden die Texte durch rare Archivbilder der Nachrichtenagentur ergänzt.
In der Geheimdruckerei einer Partisanenzeitung. Foto BELTA
In den Beständen des Museums werden heute 248 Partisanenzeitschriften aufbewahrt – das ist die vollständigste Sammlung handgeschriebener Dokumente von und über Partisanen. Diese Sammlung hat einen international anerkannten historischen und kulturellen Wert der ersten Klasse. Sie umfasst Hefte der Partisanenverbände der Gebiete Białystok, Brest, Wilejka, Witebsk, Gomel, Minsk und Mogiljow.

Die Hefte erschienen monatlich oder alle zwei Wochen, es gab aber auch Einzelexemplare. Man kann heute die Zahl aller in Partisanenverbänden erschienenen Zeitschriften kaum abschätzen, weil die Angaben darüber fragmentarisch sind.
Partisanenabteilungen und Verbände
im besetzten Belarus
(1942 – 1944)
Die Zeitschriften sind sehr informativ und anschaulich. Sie enthalten viele Sachinformationen, fassen die Ergebnisse der Kampftätigkeit von Partisanen zusammen. Die Sprache der Zahlen wird hier in der Regel durch narrative Formen, biografische Skizzen und persönliche Erinnerungen ausgeglichen. Ihnen wohnt der Geist der Nation inne, sie sind geprägt von Charakter, Geschichte und Geografie der Völker. Jede Zeitschrift bestätigt, dass in den Partisanenverbänden Vertreter vieler Republiken der Sowjetunion sowie Ausländer Schulter an Schulter gegen den Feind kämpften.
Nach der Ausführungstechnik stellten die Partisanenzeitschriften selbstgemachte, handgeschriebene oder gedruckte Hefte und Alben dar, unterschiedlich nach Größe und Umfang. Als Material verwendete man alles, was man finden konnte: von Tapeten-, Verpackungs- und Whatman-Papier bis zu den zusammengenähten Schulheften und Geschäftsbüchern. In den Zeitschriftentiteln wurden der Inhalt und der Zweck klar zum Ausdruck gebracht, oft wurden sie nach dem Namen der Abteilung oder der Brigade genannt. Die Zeitschriften wurden als Druckorgane von Partei- und Komsomol-Organisationen oder der Abteilungs- und Brigadekommandos angesehen. Als Redakteure waren in der Regel Kommissare und Sekretäre aus den Parteiorganisationen der Partisanenverbände gewählt. Die Partisanen selbst traten als Autoren auf. Sie schrieben Berichte, Essays, Erzählungen, humorvolle und witzige Texte. Die handgeschriebenen Zeitschriften wurden samt Dokumenten der Abteilung oder der Brigade aufbewahrt.
Jedes Exemplar stellt nach seiner literarischen und künstlerischen Gestaltung einen großen kulturellen Wert dar. Die Hefte enthalten über 3000 Illustrationen und Bilder. Ihre Autoren waren berühmte belarussische Maler, die als Partisanen kämpften: G.Brshosofski, M.Gurlo, S.Li, S.Romanow, W.Suchowerchow. Humor, Weisheit und lebhafte Phantasie machen diese Zeitschriften unvergesslich. In jeder Gemütsbewegung, jeder Stellungnahme und jeder Heldentat werden Charaktere von Menschen gezeigt, die sich nach Nationalität, Tätigkeit und Weltanschauung unterscheiden, aber in einem einig sind – in ihrem treuen Dienst an der Sache und am eigenen Volk.
Brester Militärverband. Partisanen der Abteilung Frunse lesen in einer Pause zwischen den Kämpfen frischgedruckte Zeitungen. Foto BELTA
Über die Geschichte der ersten handgeschriebenen Partisanenzeitschrift kann man aus den Archivdokumenten erfahren, die in den Beständen des Belarussischen Staatlichen Museums für die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges behutsam aufbewahrt werden. Wassili Botscharow, Partisan und Untergrundkämpfer, war der erste Zeitschriftenredakteur und hat in seinen Erinnerungen über den bitteren Rückzug und Einkesselung, über die Gefangenschaft und die Jahre der Repressalien berichtet...
DIE ERSTE ZEITSCHRIFT
Als der Krieg begann, wohnte Wassili Botscharow in Grodno. Nach Abschluss eines Fortbildungskurses für Politkader wurde er in die Redaktion der Divisionszeitung „Woin" (Krieger) in der 85. Schützendivision als Sekretär und Politkommisar beordert. In der Nacht zum 28. Juni 1941 zwang die deutsche Wehrmacht die 85. Division zum Rückzug. Die geschwächten Einheiten bewegten sich zur östlichen Grenze des Landes und nutzten in ununterbrochenen Kämpfen den Feind ab. Die Redaktion musste ihr Hab und Gut, einschließlich Setzkasten und Schreibmaschine, im Fluß Schtschara versenken.

Vereinzelte Kämpfergruppen schlugen sich durch die Wälder nach Osten, auch die des Politleiters Botscharow. Unweit des Dorfes Staroje Selo (18 km westlich von Minsk) haben ihm die Einheimischen geholfen, sich in Zivil umzukleiden, Ausweispapiere zu verstecken und nach Minsk zu gelangen, wo ihm seine Bekannten Zuflucht gewährten. Von dieser Zeit an war er ein aktives Mitglied der Minsker Untergrundbewegung. Botscharow nahm Arbeit in einer Brotfabrik auf und befreundete sich mit patriotisch gestimmten Arbeitern. Aus ehemaligen Militärangehörigen wurde später eine Untergrundgruppe unter Leitung von Oberst W.Nitschiporowitsch gegründet. Das Ziel der Gruppe war klar: Diversionstätigkeit im Rücken des Feindes.
W.Botscharow
W.Nitschiporowitsch
Das Lager der Abteilung befand sich 8-10 km vom Dorf Klinok (Tscherwen, Minsk) entfernt und zog im Frühjahr 1942 in das Gebiet Mogiljow um. Politleiter Botscharow hatte im Abteilungsstab allerlei Arbeit zu verrichten. Alle Stabsmitglieder wurden bestimmten Einheiten zugewiesen und haben als Soldaten oder MG-Schützen gekämpft. Es begann ein Partisanenleben.

Im Januar 1942 stellte die Aufklärung fest, dass es im Torfbetrieb nahe Dukora große Mengen an Mehl, Fleisch und anderen zum Transport nach Deutschland bereitstehenden Lebensmitteln gab. Das Kommando stellte eine schwierige Aufgabe: den Betrieb vernichten, Lebensmittel retten und ins Lager bringen. Die Operation verlief erfolgreich. Botscharow fand genügend Schreib-, Kohlepapier und Hefte und konnte so den „Papierhunger" des Stabs stillen.
Im Dezember 1941 schloss sich die Botscharows Gruppe gemeinsam mit den Gruppen von N. Pokrowski und A. Sergejew zu der 208. Partisanenabteilung zusammen. An der Leitung stand Oberst W. Nitschiporowitsch. Ihren Namen verdankte die Abteilung der 208. motorisierten Division des 13. mechanisierten Korps der 10. Armee, deren Banner von Nitschiporowitsch und seinen Offizieren gerettet und versteckt wurde. Die Division wurde vorher bei einem Verteidigungskampf im Kreis Białystok – Prushany eingekesselt und komplett vernichtet.
Als erfahrener Zeitungsmitarbeiter hatte Botscharow die Aufgabe, einen Tagebuch zu führen, in dem er über alle Kampfeinsätze und Militäroperationen zu berichten hatte. So war er auf die Idee gekommen, eine handgeschriebene Zeitschrift herauszugeben. In einer Bürositzung der 208. Partisanenabteilung Ende Januar 1942 wurde beschlossen, eine kunstpolitische Zeitschrift mit dem Titel „Volksrächer" ins Leben zu rufen. W. Botscharow wurde zum Redakteur ernannt, Mitglieder des Redaktionskollegiums waren Sekräter des Politbüros B. Bywaly, Politleiter und diplomierter Geschichtswissenschaftler W. Judin, ehemaliger Journalist und Inhaber einer gut lesbaren Handschrift Politleiter P.Dejew. Für die künstlerische Gestaltung der Zeitschrift war MG-Schütze Mischa (Muchamed) Bajbekow verantwortlich. Die erste Ausgabe erschien im Februar 1942 und stellte ein aus Verpackungspapier und Schulheftblättern geheftetes Büchlein dar.
Partisanen feuern mit Granatwerfern auf die deutsche Garnison. Foto BELTA
Zeitschrifteinredakteur W. Botscharow erinnerte sich später:

„... der Krieg selbst und das Leben im Hinterland sagten uns Themen und Inhalte vor. Am meisten warteten die Partisanen auf die Beschreibung militärischer Operationen, lasen sie wieder und wieder und waren verägert, wenn eine Partisanenabteilung die Zeitschrift nicht rechtzeitig an eine andere weitergab. Die Einheiten haben einen streng eingehaltenen Zeitplan für die Übergabe der Zeitschrift aufgestellt. In jeder Ausgabe wurden Episoden aus dem Partisanenleben wahrheitsgetreu geschildert, so dass die Volksrächer jede davon als etwas Bekanntes und Teures empfanden. In diesen Schilderungen erkannten sie sich selber, betrachteten ihr eigenes Handeln und das ihrer Kameraden unter einem anderen Blickwinkel, bewerteten sie neu, lernten etwas für den Kampf gegen den Feind, erinnerten sich an eigene Fehler... Krieg war eben Krieg... es hat nicht immer Siege gegeben... die Menschen kamen ums Leben, Partisanen haben den Tod ihrer Freunde und Mitmenschen immer schmerzhaft zu Herzen genommen...

Alles fand Platz auf den Seiten der Zeitschriften – die heldenhaften Kampfeinsätze, der Partisanenalltag. Auch Witz und Humor waren ständige Begleiter im Krieg: Die Rubrik «Den Nagel auf den Kopf» wurde durchdrungen von Witz, geistreichen Pointen, ätzender Satire und markanten Zeichnungen von Mischa Baibekow..."
Wenn man die erste Ausgabe des „Volksrächers" durchblättert, fällt einem auf, wie kurz und dennoch inhaltsreich die Schlagzeilen formuliert sind. Jeder Bericht, jede Skizze und jede Meldung in dieser Zeitschrift stellt eine wertvolle Zeile aus der Partisanenchronik dar, in der über den Kampf um die Unabhängigkeit der Heimat erzählt wird.
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